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Kapitel 03 von 16

Der große Ausbruch

Oder: Fünf Minuten bis zur Freiheit · Leos erste große Flucht
Illustration zu Kapitel 3

Es gibt Dinge, die ein kleiner Australian Shepherd unbedingt lernen muss.

Sitz. Platz. Hier.

Und vor allem:

RUHE.

Denn so ein kleiner Aussie hat bekanntlich nicht nur vier Pfoten, sondern auch ungefähr achthundert Ideen pro Minute.

Und damit aus dem kleinen Wirbelwind irgendwann ein ausgeglichener Familienhund werden konnte, hatten Frauchen und Herrchen einen guten Rat bekommen:

Boxentraining.

Eine Hundebox sollte Leo dabei helfen, zur Ruhe zu kommen. Ein gemütlicher Rückzugsort, in dem er sich sicher und geborgen fühlen konnte.

Also wurde eine Stoffbox angeschafft.

Wobei das Wort Box dem guten Stück nicht ganz gerecht wurde.

Es handelte sich eher um eine Hundevilla.

Eine Residenz.

Ein Anwesen.

Eine Immobilie, in der vermutlich auch eine ausgewachsene Deutsche Dogge noch bequem hätte wohnen können.

Und mittendrin:

Leo.

Ein winziger, flauschiger Red-Merle-Welpe.

Leo: „Mama?“

Mama: „Ja, mein Schatz?“

Leo: „Ist das alles für mich?“

Mama: „Ja, Leo. Das ist deine neue Box.“

Leo: „Wohnen da noch andere Hunde drin?“

Mama: „Nein.“

Leo: „Sicher? Da hinten könnte locker noch eine Familie einziehen.“

Mama: „Du sollst es doch schön gemütlich haben.“

Leo: „Mama, ich brauche einen Grundriss.“

Aber natürlich wurde Leo nicht einfach in seine neue Residenz gesetzt und die Tür geschlossen.

Nein.

Frauchen und Herrchen gingen die Sache vorbildlich an.

Ganz langsam.

Schritt für Schritt.

Erst durfte Leo die Box kennenlernen.

Dann wurde sie gemütlich eingerichtet.

Dann lernte er, sich darin hinzulegen.

Und irgendwann konnte man sogar die Tür schließen.

Ganz ohne Drama.

Ganz ohne Protest.

Leo schlief.

Frauchen war zufrieden.

Herrchen war zufrieden.

Die Box war offenbar eine hervorragende Anschaffung gewesen.

Dachte man.

Denn eines Tages sollte sich herausstellen, dass Leo Löwenherz die Sache mit der Box ein klein wenig anders interpretierte.

Es war ein völlig gewöhnlicher Tag.

Leo lag in seiner Box.

Die Tür war geschlossen.

Der kleine Plüschbär schlief tief und fest.

Frauchen betrachtete ihren friedlichen Welpen und dachte sich:

Ach, wie schön. Das klappt ja wirklich prima.

Und weil der kleine Mann so wunderbar schlief, beschloss sie, kurz vor die Tür zu gehen und nach der Post zu schauen.

Nur ganz kurz.

Leo schlief.

Die Box war geschlossen.

Alles bestens.

Was sollte schon passieren?

Nun ja.

Draußen begegnete Frauchen einer Nachbarin.

Und wie das mit Nachbarinnen manchmal so ist, entwickelte sich aus einem kurzen Hallo ein etwas längeres Gespräch.

Die Post musste warten.

Die Nachbarin erzählte.

Frauchen hörte zu.

Und nach vielleicht fünf Minuten kehrte sie schließlich ins Haus zurück.

Sie betrat das Wohnzimmer.

Schaute zur Couch.

Und blieb stehen.

Denn dort lag …

LEO.

Friedlich zusammengerollt.

Tief und fest schlafend.

Auf dem Sofa.

Frauchen blinzelte.

Schaute noch einmal hin.

Dann zur Box.

Dann wieder zum Sofa.

Mama: „Ähm … Leo?“

Leo: „Zzzzz …“

Mama: „LEO?!“

Leo: „Hm? Mama? Schon wieder da?“

Mama: „WAS MACHST DU AUF DEM SOFA?!“

Leo: „Schlafen.“

Mama: „DAS SEHE ICH!“

Leo: „Dann verstehe ich die Frage nicht.“

Frauchen starrte ihren kleinen Hund an.

Moment mal.

Der war doch …

Der war doch IN DER BOX gewesen!

In der GESCHLOSSENEN Box!

Sie drehte sich langsam um.

Betrachtete die riesige Hundevilla.

Und entdeckte etwas, das bei einer fabrikneuen Stoffbox eigentlich nicht zur Standardausstattung gehörte.

Ein Loch.

Ein ziemlich großes Loch.

Mitten im Netz.

Nicht etwa eine kleine Beschädigung.

Nicht ein winziger Riss.

Nein.

Eine regelrechte Fluchtroute!

Leo hatte sich durch das Netz seiner Box gefressen und anschließend durch die selbst geschaffene Öffnung nach draußen gequetscht.

Ein Welpe.

Eine geschlossene Box.

Fünf Minuten.

Und ein erfolgreicher Ausbruch.

Mama: „LEO LÖWENHERZ!“

Leo: „Ja, Mama?“

Mama: „DU HAST EIN LOCH IN DEINE BOX GEFRESSEN!“

Leo: „Ach, das.“

Mama: „WIE BITTE, ACH DAS?!“

Leo: „Ich habe ein paar bauliche Veränderungen vorgenommen.“

Mama: „DU HAST DIE BOX KAPUTT GEMACHT!“

Leo: „Mama, bitte. Das nennt man einen zusätzlichen Ausgang.“

Mama: „DIE BOX HATTE EINEN AUSGANG!“

Leo: „Ja. Aber der war zu.“

Mama: „WEIL DU SCHLAFEN SOLLTEST!“

Leo: „Hab ich doch.“

Mama: „AUF DEM SOFA!“

Leo: „Ja. Die Matratze ist besser.“

Frauchen betrachtete die Überreste des Netzes.

Dann ihren kleinen Hund.

Der hatte nicht etwa panisch im Wohnzimmer herumgetobt.

Er hatte nichts weiter angestellt.

Er hatte sich einfach einen Weg aus seiner luxuriösen Hundevilla gebahnt, war zur Couch spaziert und hatte dort seinen wohlverdienten Schlaf fortgesetzt.

Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Leo: „Mama?“

Mama: „Was denn noch?“

Leo: „Ich möchte übrigens eine Beschwerde einreichen.“

Mama: „Eine BESCHWERDE?!“

Leo: „Ja. Meine Unterkunft war nicht barrierefrei.“

Mama: „Leo!“

Leo: „Außerdem war die Tür verschlossen.“

Mama: „DAS WAR DER SINN DER SACHE!“

Leo: „Dann haben wir offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen von Wohnkomfort.“

Und so stand Frauchen vor ihrer nagelneuen, nunmehr erheblich belüfteten Stoffbox.

Die sorgfältige Eingewöhnung hatte funktioniert.

Leo hatte die Box akzeptiert.

Er hatte darin geschlafen.

Er hatte sie sogar richtig gern gehabt.

Nur eines hatte man bei der ganzen Sache offenbar nicht ausreichend berücksichtigt:

Dass ein kleiner Australian Shepherd durchaus in der Lage ist, eigene Entscheidungen über die Gestaltung seiner Wohnverhältnisse zu treffen.

Und Leo Löwenherz hatte entschieden:

Box schön und gut.

Aber wenn Mama kurz weggeht, schläft es sich auf der Couch einfach besser.

WAS BLEIBT Eigentlich war die Idee wunderbar gewesen: Leo sollte von Anfang an lernen, zur Ruhe zu kommen und einen eigenen gemütlichen Rückzugsort haben. Und das hatte sogar funktioniert. Er schlief gerne in seiner Box, auch wenn die Tür geschlossen war. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem Frauchen für wenige Minuten nach der Post schauen wollte. Als sie zurückkam, lag ihr kleiner Welpe friedlich auf der Couch – und seine riesige Stoffbox hatte einen selbst angefertigten Notausgang. Heute gehört diese Geschichte zu den Erinnerungen, bei denen man sich fragt, ob man damals lachen oder verzweifeln sollte. Denn Leo hatte durchaus verstanden, dass er schlafen sollte. Er war nur mit der Wahl des Schlafplatzes nicht ganz einverstanden. Leo Löwenherz – erster erfolgreicher Gefängnisausbruch im zarten Welpenalter. Fluchtdauer: höchstens fünf Minuten. Sachschaden: eine Stoffbox. Beute: ein Platz auf dem Sofa. Reue: nicht nachweisbar. Der Täter wurde schlafend am Tatort aufgefunden.

Die Leo-Löwenherz-Chroniken · Nach wahren Erlebnissen. Die Gespräche sind liebevoll erfunden.