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Kapitel 17

Sitz. Platz. Prüfung. KANONENKUGEL!

4. Oktober 2026 · Die Begleithundeprüfung

Illustration zu Kapitel 17: Sitz. Platz. Prüfung. KANONENKUGEL!

Es gibt Tage, an denen ein kleiner Hund Geschichte schreibt.

Und dann gibt es Tage, an denen ein kleiner Hund Geschichte schreibt, während seine Mama kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht.

Der 4. Oktober 2026 war so ein Tag.

Wochenlang hatten wir trainiert. Fußarbeit, Tempowechsel, Sitz, Platz, Abrufen, Ablage. Unzählige Wiederholungen, unzählige Kekse und gelegentlich die Frage, ob ein Mini-Aussie eigentlich weiß, dass man auch einmal NICHTS tun darf.

Nun war er da. Der große Tag.

DIE THEORIE – PAPA MUSS RAN

Der Prüfungstag begann früh. Und zwar mit der Theorieprüfung.

Die hatte Herrchen übernommen.

Leo fand diese Aufgabenverteilung ausgesprochen vernünftig.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Warum muss Papa zuerst arbeiten?“

„Weil er die Theorieprüfung macht.“

„Und was macht man da?“

„Fragen beantworten.“

„Über Hunde?“

„Ja.“

„Über MICH?“

„Nicht direkt.“

„Schade. Da hätte ich ihm helfen können.“

Während Papa also sein Wissen unter Beweis stellte, wartete auf Mama und Leo die eigentliche Herausforderung.

Die praktische Prüfung.

Und Mama war nervös.

Sehr nervös.

„Mama? Warum bist du so komisch?“

„Wir haben heute Prüfung, Leo.“

„Ach so. Arbeiten?“

„Ja. Aber heute schaut uns jemand dabei zu.“

„Na und? Das tun die anderen doch auch immer.“

„Heute gibt’s dafür eine Urkunde.“

„Kann man die essen?“

„Nein.“

„Schade. Na gut, dann arbeiten wir eben.“

DIE UNTERORDNUNG – EIN BLICK SAGT MEHR ALS TAUSEND KEKSE

Direkt nach der Theorie ging es auf den Hundeplatz.

Dorthin, wo wir so viele Stunden miteinander verbracht hatten. Wo Leo gelernt hatte, dass andere Hunde nicht grundsätzlich eine persönliche Stellungnahme erfordern. Wo aus einem aufgeregten kleinen Pöbelprinzen langsam ein richtig guter Trainingspartner geworden war.

Vor dem Start wartete Mama ganz bewusst.

Nicht auf irgendein Zeichen von außen.

Sondern auf Leo.

Auf diesen einen Blick nach oben.

Und dann war er da.

Ganz aufmerksam. Ganz bei mir.

„Da bist du ja, mein kleiner Junge.“

„Klar bin ich da. Wollen wir anfangen?“

„Ja, Leo. Jetzt sind wir bereit.“

Und dann lief es.

Fußarbeit. Tempowechsel. Sitz. Platz.

Leo arbeitete konzentriert mit.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Siehst du, wie schön ich laufe?“

„Ja, mein Schatz.“

„SCHÖNSTES GANGBILD! Weißt du noch?“

„Natürlich weiß ich das noch.“

„Wollte nur sicherstellen, dass du das nicht vergessen hast.“

Auch die Ablage klappte wunderbar. Leo blieb liegen, während der nächste Hund arbeitete.

Fast so, als hätte jemand den kleinen Aussie am Boden festgetackert.

Und dann kam seine absolute Lieblingsdisziplin.

Das Abrufen.

DIE KANONENKUGEL

„Leo, HIER!“

„MAMAAAAAAAA! ICH KOMMEEEEEEE!“

WUSCH!

Über den feuchten Rasen schoss eine rot-weiße Kanonenkugel.

Vier Pfoten.

Zwei blaue Augen.

Ein Ziel.

MAMA!

Nur eine Kleinigkeit hatte der junge Herr Löwenherz bei seiner Berechnung nicht berücksichtigt.

Den Bremsweg.

BUMMS!

Leo landete an Mamas Bauch, rutschte daran herunter und saß anschließend in einem nahezu perfekten Vorsitz.

„TADAAAAAA!“

„LEO! Du sollst doch bremsen!“

„HAB ICH DOCH!“

„Leo, du bist in mich hineingerannt!“

„Ja, aber ich bin angekommen!“

Und beim anschließenden Einordnen durfte selbstverständlich auch der berühmte kleine Hopser nicht fehlen.

„Fuß.“

HOPP!

„Da bin ich!“

„Leo, du könntest auch einfach herumgehen.“

„Mama. Wir sind hier schließlich nicht bei einer langweiligen Prüfung.“

Die Unterordnung war geschafft.

Aber der Prüfungstag war noch lange nicht vorbei.

AUF NACH KITZINGEN – DER KÖNIG IM STRASSENVERKEHR

Jetzt ging es in die Kitzinger Innenstadt.

Dorthin, wo das richtige Leben stattfand.

Autos. Fahrräder. E-Scooter. Kinderwagen. Fußgänger.

Und mittendrin ein kleiner Red-Merle-Aussie, der früher vermutlich zu jedem zweiten Verkehrsteilnehmer eine Meinung gehabt hätte.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Sind wir jetzt fertig?“

„Nein, jetzt kommt der Verkehrssicherheitsteil.“

„VERKEHR?!“

„Ja.“

„MIT AUTOS?“

„Ja.“

„MIT FAHRRÄDERN?“

„Auch.“

„MIT MENSCHEN?“

„Sehr vielen Menschen.“

„Mama, das ist aber ein ziemlich umfangreiches Programm.“

Und tatsächlich war es das.

DIE MAUER AUS MENSCHEN

Irgendwann kam uns eine ganze Gruppe Menschen entgegen.

Nicht einfach ein einzelner Spaziergänger.

Nein.

Eine richtige Menschenmauer.

Der Weg wurde eng, und wir mussten ausweichen.

Für Leo, der früher bei Begegnungen mit Menschen und Hunden durchaus lautstark seine Bedenken angemeldet hatte, keine selbstverständliche Situation.

Aber diesmal?

Leo blieb bei Mama.

Er ließ sich führen.

Wir wichen gemeinsam aus und gingen weiter.

Ganz ohne königliche Protestnote.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Hast du gesehen?“

„Was denn?“

„Diese ganzen Menschen!“

„Ja.“

„Und ich hab gar nichts gesagt!“

„Das hast du wirklich toll gemacht.“

„Ich fand, die sahen auch ganz vernünftig aus.“

DIE MENSCHENGRUPPE – EIN KÖNIG TRIFFT SEINE UNTERTANEN

Eine weitere Aufgabe führte uns durch eine Gruppe von Menschen.

Eigentlich eine ganz normale Übung.

Man geht mit seinem Hund durch eine Menschengruppe. Der Hund bleibt möglichst ruhig und lässt sich nicht ablenken.

Soweit die Theorie.

Denn in dieser Gruppe standen ausgerechnet zwei Menschen, die Leo ganz besonders gern hatte.

Dirk und Claudia!

„MAMA!!!“

„Leo, was ist denn?“

„DA SIND SIE!“

„Ja, ich sehe sie.“

„DIRK!!! CLAUDIA!!!“

„Leo, wir sind noch in der Prüfung.“

„ABER MAMA! DIE KENN ICH!“

Und ehe Mama sämtliche diplomatischen Verhaltensregeln des königlichen Hofes wiederholen konnte, musste Leo seine Freude kundtun.

Mit einem kleinen Begrüßungshüpfer.

Nun ja.

Vielleicht auch mit etwas mehr Begeisterung.

„LEO! Nicht anspringen!“

„ABER MAMA! DAS SIND DOCH DIRK UND CLAUDIA!“

„Ich weiß!“

„DIE MUSS MAN DOCH BEGRÜSSEN!“

Offenbar war Leo der Meinung, dass die Prüfungsordnung für besonders lieb gewonnene Menschen eine Ausnahme vorsehen müsste.

Die Prüferin sah das vermutlich etwas nüchterner.

Aber der kleine Herr Löwenherz hatte nun einmal ein großes Herz.

Und manchmal eben auch sehr sprungfreudige Pfoten.

DER FREMDE HUND – EIN KURZER DIPLOMATISCHER ZWISCHENFALL

Natürlich durfte auch eine Hundebegegnung nicht fehlen.

Schließlich hatte genau dieses Thema Mama und Leo monatelang beschäftigt.

Und zunächst sah alles ganz ordentlich aus.

Bis der andere Hund beschloss, seine Meinung lautstark mitzuteilen.

„WUFF! WUFF!“

Leo blieb stehen.

„MAMA?“

„Ja, Leo.“

„DER HAT MICH ANGEBELLT!“

„Ich hab’s gehört.“

„DER KENNT MICH DOCH GAR NICHT!“

Und dann kam sie doch noch.

Die königliche Antwort.

„WUFF!“

„Leo, weiter.“

„ABER MAMA!“

„Leo. Komm.“

Und Leo kam.

Er ließ sich ansprechen, orientierte sich wieder an Mama und ging mit ihr an dem anderen Hund vorbei.

Kein endloses Theater.

Keine völlige Eskalation.

Ein kurzer Rückfall in die alte Beschwerdeabteilung – und dann ging es weiter.

Die Leine war zwischendurch auch einmal straffer als gewünscht.

Aber das Entscheidende war: Leo blieb erreichbar.

Und Mama konnte ihm helfen, die Situation zu bewältigen.

DIE GROSSE KUNST DES WARTENS

Eine der eindrucksvollsten Aufgaben wartete ebenfalls in der Innenstadt.

Leo wurde angebunden.

Mama ging weg.

Und zwar so weit, dass Leo sie nicht mehr sehen konnte.

Nun war er allein.

Während Menschen und Hunde an ihm vorbeigingen.

Für einen kleinen Aussie, der seine Mama am liebsten immer im Blick behielt, eine echte Herausforderung.

Leo schaute in die Richtung, in der Mama verschwunden war.

Und wartete.

Kein Bellen.

Kein Theater.

Kein Versuch, die Leine eigenmächtig zu lösen.

Er wartete einfach.

„Mama?“

Vielleicht dachte er das.

„Du kommst doch wieder?“

Und natürlich kam Mama wieder.

Leo hatte sich währenddessen vorbildlich benommen.

Ein kleiner Hund, der früher bei Hundebegegnungen kaum wusste, wohin mit seiner Aufregung, hatte einfach ruhig gewartet, während die Welt um ihn herum weiterlief.

Das war kein spektakulärer Sprung.

Keine Kanonenkugel.

Kein besonders schönes Gangbild.

Aber für Mama war es einer der schönsten Momente dieses Tages.

ZURÜCK AUF DEN HUNDEPLATZ

Nach dem Verkehrssicherheitsteil ging es zurück zum Hundeplatz.

Ein langer Vormittag lag hinter uns.

Die Theorie.

Die Unterordnung.

Die Kanonenkugel.

Die Innenstadt.

Die Menschenmauer.

Dirk und Claudia.

Der fremde Hund.

Und die große Kunst des Wartens.

Jetzt wurde gemeinsam zu Mittag gegessen.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Ich hätte da eine Frage.“

„Welche denn?“

„War das jetzt alles?“

„Ja, mein Schatz. Die Prüfung ist vorbei.“

„Und?“

„Jetzt müssen wir noch auf die Urkunden warten.“

„DIE URKUNDEN!“

„Genau.“

„Kann man die inzwischen essen?“

„Immer noch nicht, Leo.“

„Schade. Dann nehme ich einen Keks.“

BESTANDEN!

Und schließlich war es so weit.

Die Urkunden wurden verliehen.

LEO LÖWENHERZ HATTE DIE BEGLEITHUNDEPRÜFUNG BESTANDEN!

Der kleine Pöbelprinz.

Der Hund, der früher fremde Vierbeiner grundsätzlich für eine Zumutung gehalten hatte.

Der kleine Kerl, der beim Social Walk so außer sich gewesen war, dass Mamas T-Shirt daran glauben musste.

Genau dieser Leo hatte es geschafft.

Nicht, weil er plötzlich ein anderer Hund geworden war.

Sondern weil wir gelernt hatten, zusammenzuarbeiten.

Weil er immer häufiger zu mir schaute, statt sich in seiner Aufregung zu verlieren.

Weil ich gelernt hatte, ihm zu vertrauen.

Und weil wir beide nicht aufgegeben hatten.

„Mama?“

„Ja, mein Schatz?“

„War ich gut?“

„Du warst großartig, mein kleiner bunter Junge.“

„Auch mit der Kanonenkugel?“

„Auch mit der Kanonenkugel.“

„Und mit Dirk und Claudia?“

„Na ja …“

„MAMA! DIE HABEN SICH BESTIMMT GEFREUT!“

„Das glaube ich auch, Leo.“

„Gut. Dann ist ja alles bestens.“

WAS BLEIBT

Eine Urkunde.

Ein langer, aufregender Prüfungstag.

Ein paar kleine Stolperer.

Eine rot-weiße Kanonenkugel.

Und unendlich viel Stolz.

Aber vor allem bleibt die Erinnerung an einen kleinen Hund, der in der Kitzinger Innenstadt ruhig angebunden wartete, obwohl seine Mama außer Sicht war.

An einen Hund, der eine ganze Menschenmauer meisterte, sich nach einer schwierigen Hundebegegnung wieder ansprechen ließ und trotz aller Aufregung seinen Weg mit Mama ging.

Leo war an diesem Tag nicht perfekt.

Und das musste er auch gar nicht sein.

Denn die eigentliche Leistung bestand nicht darin, niemals einen Fehler zu machen.

Sondern darin, gemeinsam weiterzugehen.

Aus einem kleinen Pöbelprinzen war ein Begleithund geworden.

Und aus Mama und Leo?

Ein Team, das gelernt hatte, einander zu vertrauen.

„Mama?“

„Ja, Leo?“

„Bin ich jetzt ein richtiger Begleithund?“

„Ja, mein Schatz.“

„Mit Urkunde?“

„Mit Urkunde.“

„Und darf ich jetzt trotzdem noch manchmal Quatsch machen?“

„Leo …“

„WAR JA NUR EINE FRAGE!“

Manche Dinge ändern sich eben nie.

Und das ist auch gut so. ❤️🐾

Nach wahren Erlebnissen. Die Gespräche sind liebevoll erfunden.