Papa, Platz und Paperback
Oder: Wie ein Bücherwurm und ein Pöbelprinz zum Team wurden

Es war einmal ein kleiner Mini-Aussie namens Leo Löwenherz, der bereits einiges über die Menschen gelernt hatte.
Zum Beispiel, dass Mama für Training, Abenteuer und gelegentliche Diskussionen über angemessenes Verhalten zuständig war.
Und Papa?
Nun ja.
Papa war für Bücher zuständig. Und für Fotos. Und für die Couch.
Vor allem aber war Papa der Mann, der immer dann mit der Kamera bereitstand, wenn Leo etwas besonders Großartiges tat.
„Eine ausgesprochen wichtige Aufgabe“, fand Leo. „Schließlich müssen meine Heldentaten für die Nachwelt dokumentiert werden.“
Allerdings hatte Papa eines Tages eine Beschwerde bei der königlichen Chroniken-Redaktion eingereicht: Er komme in Leos Geschichten viel zu selten vor!
Mama hatte daraufhin eine Augenbraue gehoben. „Dann musst du halt mehr mit Leo unternehmen.“
Das saß.
Denn Papa und Leo waren zwar durchaus miteinander vertraut, aber so ein richtig eingespieltes Team wie Mama und Leo waren sie noch nicht.
Mama hatte schließlich unzählige Stunden mit dem kleinen Pöbelprinzen trainiert. Sie kannte seine Blicke, seine Macken und seine ganz persönliche Interpretation des Wortes Hundebegegnung.
Papa hingegen hatte nach der Arbeit oft andere Pläne. Ein Buch. Eine Couch. Ein bisschen Ruhe.
Leo verstand das grundsätzlich.
„Ich bin ebenfalls ein großer Freund der Couch“, erklärte er. „Aber gelegentlich muss ein junger König eben auch sein Reich inspizieren.“
Und so begannen die beiden, immer wieder allein auf große Expedition zu gehen.
Nun gut. Auf Spaziergänge. Aber für Leo war das im Grunde dasselbe.
DIE ERSTEN AUSSENEINSÄTZE
Anfangs verliefen diese Unternehmungen nicht immer ganz reibungslos. Insbesondere fremde Hunde stellten die diplomatischen Fähigkeiten des kleinen Königs auf eine harte Probe.
„PAPA! DA IST EIN HUND!“
„Ja, Leo, ich sehe ihn.“
„EIN FREMDER HUND!“
„Ja, Leo.“
„IN MEINEM KÖNIGREICH!“
„Leo, wir gehen jetzt einfach weiter.“
„ABER PAPA! DIE SICHERHEITSLAGE!“
Manchmal war es gar nicht so einfach, den kleinen Sicherheitsbeauftragten davon zu überzeugen, dass nicht jeder vorbeikommende Vierbeiner eine offizielle Stellungnahme benötigte.
Doch Papa blieb dran.
Und mit der Zeit wurden die Berichte, die er nach den Spaziergängen bei Mama ablieferte, immer erfreulicher: weniger Aufregung, mehr Gelassenheit, immer bessere Zusammenarbeit.
Leo stellte nämlich langsam fest, dass Papa durchaus wusste, was er tat. Zumindest meistens.
SITZ, PLATZ UND DIE GROSSE KUNST DES NICHTSTUNS
Die Spaziergänge bestanden längst nicht nur aus Laufen. Zwischendurch wurde geübt.
„Leo, Sitz.“
Plumps.
„Prima! Platz.“
Plumps, die Zweite.
„Sehr gut!“
Leo nahm das Lob wohlwollend entgegen.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass ich diese Übungen bereits beherrsche. Aber wenn Papa so viel Freude daran hat, mache ich natürlich mit.“
Besonders interessant waren die gemeinsamen Pausen auf einer Bank.
Dort saßen Papa und Leo nebeneinander und beobachteten die Welt. Menschen gingen vorbei. Fahrräder rollten vorüber. Gelegentlich tauchte irgendwo ein Hund auf.
Früher hätte Leo sich möglicherweise berufen gefühlt, das gesamte Geschehen lautstark zu kommentieren. Inzwischen gelang es ihm immer öfter, einfach sitzen zu bleiben und zuzuschauen.
„Weißt du, Papa“, dachte Leo, „manchmal ist es gar nicht nötig, allen zu erklären, dass ich da bin.“
Und die Welt drehte sich einfach weiter. Ganz ohne königliche Durchsage.
DIE LITERARISCHE MISSION
Ein besonderer Höhepunkt ihrer Spaziergänge war der öffentliche Bücherschrank.
Papa liebte Bücher. Und offensichtlich war er der Meinung, dass es grundsätzlich noch Platz für eines mehr gab. Oder zwei.
Leo hatte dafür durchaus Verständnis. Schließlich sammelte er selbst mit großer Leidenschaft interessante Gerüche.
Allerdings bemerkte er eine gewisse Ungerechtigkeit.
„Papa?“
„Ja, Leo?“
„Du darfst hier immer etwas mitnehmen.“
„Manchmal finde ich eben ein schönes Buch.“
„Ich finde unterwegs auch ständig schöne Sachen.“
„Leo, lass das liegen.“
„Siehst du? Genau das meine ich.“
Während Papa also die Buchrücken studierte, überprüfte Leo gewissenhaft die nähere Umgebung. Anschließend ging es nach Hause.
Papa trug seine literarische Beute selbstverständlich selbst.
Nicht etwa, weil Leo dazu nicht in der Lage gewesen wäre. Im Gegenteil! Leo konnte hervorragend apportieren.
Aber ein königlicher Begleithund war schließlich kein mobiler Bücherdienst.
„Außerdem“, fand Leo, „hat Papa die Bücher ausgesucht. Dann kann er sie auch tragen.“
ZWEI SPAZIERGÄNGER, EIN TEAM
Mit jedem gemeinsamen Ausflug lernten die beiden ein bisschen mehr voneinander.
Papa lernte, wann Leo Unterstützung brauchte, wie er sich lenken ließ und wie man auch schwierige Begegnungen gemeinsam bewältigte.
Und Leo lernte, dass Papa nicht nur ein hervorragender Fotograf und leidenschaftlicher Leser war. Sondern jemand, auf den man sich unterwegs verlassen konnte.
Wenn die beiden nach Hause kamen, gab es meistens einen ausführlichen Bericht für Mama. Was gut gelaufen war. Was noch schwierig gewesen war. Und worauf Papa besonders stolz sein konnte.
Die Berichte wurden mit der Zeit immer positiver.
Denn während Mama und Leo längst ihr eigenes eingespieltes Team geworden waren, wuchs nun ganz still und leise noch ein zweites zusammen.
Eines mit Büchern. Mit kleinen Trainingseinheiten. Mit einer Bank zum Leute-Beobachten. Und mit einem Papa, der seinen kleinen Löwenherz immer besser verstand.
WAS BLEIBT
Nicht jede große Freundschaft beginnt mit einem großen Abenteuer. Manchmal wächst sie auf ganz gewöhnlichen Spaziergängen: mit kleinen Übungen, gemeinsamen Pausen und dem Vertrauen, dass der andere schon weiß, wo es langgeht.
Mama und Leo hatten ihren eigenen Weg gefunden. Papa und Leo waren gerade dabei, ihren zu entdecken.
Denn ein Hund kann mehr als einen Herzensmenschen haben. Und mit jedem eine ganz eigene Geschichte schreiben.
Nach wahren Erlebnissen. Die Gespräche sind liebevoll erfunden.